Beschreibung
In seinem Brief, den Arnold Wächter seinem französischen Freund Claude als deutscher Soldat schreibt, beschwört er die gemeinsame Pariser Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das Paris der sogenannten Belle Époque ist Hot Spot für Künstler, Bohemiens, Feuilletonisten und die Jugend aller Nationen. Die ganze Stadt mit ihren Plätzen, großzügigen Parks und verwinkelten Quartiers bildet die lebendige Kulisse für das leichte, unbeschwerte Leben, "als alle Nationen vom Montparnasse sich in der Closerie des Lilas versammelten": der Maler aus Norwegen, der Russe Dimitry mit seiner italienischen Freundin, Pamela aus Chelsea und der Amerikaner Herold, der Holländer Bouts und der zarte Maler Ephrussi. Man trifft sich in den Cafés, Museen, Theatern, auf Künstlerfesten und in den Ateliers und diskutiert über Kunst, Literatur und die Vision eines friedvollen Europas. Über dem ganzen Flair der beginnenden Moderne liegt die verführerische (nicht nur sexuelle) Emanzipation der Frauen außerhalb jeglicher Konvention. Die "Pariser Romanze" erzählt von der Begegnung Arnold Wächters mit Lotte, die im Pariser Pensionat ihre Französischkenntnisse verbessern soll. Weil sie Paris kennenlernen will, wird Arnold ihr väterlicher Begleiter. Wahrer Hintergrund dieser literarischen Beziehung ist die Ehe des Autors Franz Hessel mit der Malerin Helen Grund, Vorbild der Catherine in Truffauts berühmten Film "Jules et Jim".
Über Franz Hessel
Franz Hessel (1880¿1941) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Lektor. Hessel zog nach dem Tod seines wohlhabenden Vaters, der Bankier gewesen war, mit Mutter und Bruder nach Berlin. Sein Bruder war der spätere Historiker Alfred Hessel. Hessel kam 1899 zum Jurastudium nach München. Er wechselte später zur Orientalistik, machte aber nie einen Universitätsabschluss. Das ererbte Vermögen ermöglichte es ihm, ohne Brotsorgen seinen literarischen Ambitionen nachzugehen. In München erhielt er Anschluss an den Kreis um Stefan George und lernte Fanny Gräfin zu Reventlow kennen. Mit ihr und ihrem Gefährten, Baron Bohdan von Suchocki, lebte er von 1903 bis 1906 in Schwabing. Diese Zeit ist Grundlage der Romane "Kramladen des Glücks" von Hessel und "Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem seltsamen Stadtteil" von Fanny zu Reventlow. Gemeinsam mit ihr verfasste Hessel mehrere Ausgaben des "Schwabinger Beobachters", der vor allem den Kreis um Stefan George parodierte. Von 1906 bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg lebte Hessel dann in Paris, wo er in den Künstlerkreisen von Montparnasse verkehrte, vor allem im berühmten Café du Dôme, in dem sich die ausländischen Künstler trafen. Aus dieser Zeit stammt seine Bekanntschaft mit dem französischen Kunsthändler und Schriftsteller Henri-Pierre Roché und der jungen Malerin Helen Grund, die er 1913 heiratete. Der Ehe entstammte der spätere Diplomat und Widerstandskämpfer Stéphane Hessel. Nach dem Krieg ließ sich die Familie in der Villa Heimat am Ortsrand von Schäftlarn südlich von München nieder. Im Jahr 1920, als seine Ehe bereits zerrüttet war, veröffentlichte Hessel den Roman "Pariser Romanze", in dem er seine Zeit in Paris und das Kennenlernen seiner Frau literarisch verarbeitete. In den zwanziger Jahren wohnte Hessel in Berlin und arbeitete als Lektor und Übersetzer im Rowohlt Verlag. Zusammen mit Lektor Paul Mayer und Verlagsinhaber Ernst Rowohlt präsidierte Hessel dessen Autorenabenden, an denen die bedeutendsten Schriftsteller der Zeit teilnahmen. Bekannt wurde er vor allem als Lyriker, Romancier und Prosaiker. Hessel blieb trotz Berufsverbot bis 1938 im nationalsozialistischen Deutschland weiterhin als Lektor im Rowohlt Verlag tätig. Wie Ernst von Salomon überliefert, blieb er in Deutschland, weil er sich dem Schicksal der deutschen Juden nicht entziehen wollte. Das Publizieren musste er in dieser Zeit zwar einstellen, jedoch übersetzte er die Werke Jules Romains'. Schließlich folgte er dem Rat seiner Frau und seiner Freunde und emigrierte widerstrebend kurz vor dem Novemberpogrom 1938 nach Paris. Den Vormarsch der deutschen Besatzer fürchtend, übersiedelten Hessel und seine Familie in das südfranzösische Exilzentrum Sanary-sur-Mer. Bald darauf wurde er auf Veranlassung des französischen Innenministers gemeinsam mit seinem älteren Sohn Ulrich und vielen anderen Emigranten im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Der 60-jährige Hessel erlitt während des zweimonatigen Aufenthalts im Lager einen Schlaganfall und starb 1941 kurz nach seiner Entlassung an den Folgen der entbehrungsreichen Lagerhaft in Sanary-sur-Mer.
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