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ISBN/EAN: 978-3-96362-288-5
Einband: gebundenes Buch
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Originaltitel:
Worth the Wait
Übersetzer:
Silvia Lutz
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
207 S.
Format (T/L/B):
2.2 x 19.5 x 13.5 cm

Hersteller:
Francke-Buch GmbH
info@francke-buch.de
Am Schwanhof 19
DE 35037 Marburg


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10,00 €

Nicht lieferbar

Beschreibung

Texas, 1894: Schon seit längerem hat der Fuhrunternehmer Benjamin Porter ein Auge auf Victoria Adams geworfen, die von allen nur Tori genannt wird. Als ernste, alleinerziehende junge Mutter führt sie den Gemischtwarenladen der Frauenkolonie Harpers Station. Auf Männer reagiert sie mit Ablehnung und macht auch bei Ben keine Ausnahme. Dieser blickt hinter Toris kühle Fassade und nimmt ihre Verletzlichkeit und ihr liebenswürdiges Wesen wahr. Für Lewis, ihren aufgeweckten kleinen Sohn, würde er nur zu gern die Vaterrolle übernehmen. Als Tori mit Hilfe von Bens Frachtkutsche die umliegenden Farmen mit ihren Waren zu beliefern beginnt, versucht der kräftige Riese mit dem sanften Charakter die gemeinsame Zeit zu nutzen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Doch die Schutzmauern um Toris Herz scheinen unüberwindlich. Ein dramatisches Ereignis stellt Tori unvermittelt vor die Frage, ob sie bereit ist, schmerzvolle Erfahrungen der Vergangenheit hinter sich zu lassen und noch einmal Vertrauen zu wagen.

Über Karen Witemeyer

Karen Witemeyer liebt historische Romane mit Happy-End-Garantie und einer überzeugenden christlichen Botschaft. Nach dem Studium der Psychologie begann sie selbst mit dem Schreiben. Zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Texas.

Leseprobe

Kapitel 1 Oktober 1894 Harpers Station Baylor County, Texas 'Bist du dir sicher, dass sie nicht aus Versehen losgehen kann?' Victoria Adams blickte auf ihr entblößtes rechtes Bein hinab, wo ihre Freundin, Grace Mallory, die kleine Taschenpistole Remington Model 95 mit Doppellauf in das zierliche Pistolenhalfter steckte, das an ihrem Strumpfband befestigt war. 'Ich will mir nicht versehentlich in den Fuß schießen, wenn der Wagen in ein Schlagloch fährt.' Grace blickte mit einem beruhigenden Lächeln zu ihr hinauf. 'Wenn du willst, kannst du die Pistole auch in deine Handtasche stecken, aber nach den ganzen Schwierigkeiten, die wir vor ein paar Monaten mit Angus Johnson hatten, habe ich meine Pistole lieber an einer Stelle, an der ich sie jederzeit erreichen kann.' Grace kontrollierte die Pistole an Toris Strumpfband ein letztes Mal, dann nahm sie die hochgeschobenen Röcke, die Tori an ihren Oberschenkel drückte, und breitete sie unauffällig über ihren Beinen aus. Niemand käme auf die Idee, dass unter den Schichten aus Baumwolle und Musselin eine Waffe versteckt war. 'Eine Handtasche ist im entscheidenden Moment vielleicht nicht greifbar oder sie wird dir aus der Hand gerissen, bevor du deine Pistole herausziehen kannst.' Graces dunkelblonder Haarknoten reichte bis zu Toris Kinn, als sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete. 'Es ist besser, die Pistole an einer Stelle, von der niemand etwas ahnt, jederzeit griffbereit zu haben.' Sie hob ihre eigenen Röcke und brachte darunter eine Taschenpistole zum Vorschein, die sie ebenfalls über ihrem Knie festgeschnallt hatte. 'Ich trage meine Pistole seit Juli ständig an meinem Bein und habe mir noch nie in den Fuß geschossen.' Graces Augen funkelten belustigt, und Tori entspannte sich ein wenig. 'Du hältst mich wahrscheinlich für verrückt, weil ich solche Vorsichtsmaßnahmen wegen eines Mannes ergreife, der zu uns allen immer nur nett und hilfsbereit ist.' Tori senkte den Blick, da sich ihr Magen nervös zusammenzog. Sie wusste, dass sie übertrieben reagierte, aber sie konnte einfach nicht anders. Sie war seit über fünf Jahren nicht mehr mit einem Mann allein gewesen. Nicht mehr, seit Nein! Daran wollte sie nicht denken. Tori ballte die Fäuste und zwang sich, die Tür zu diesen Erinnerungen zuzuschlagen. Sie wollte sich nicht von der Vergangenheit beherrschen lassen. Sie hatte eine Zukunft, die sie gestalten wollte, und einen Sohn, für den sie sorgen musste. Der Lebensunterhalt der Frauen in Harpers Station war davon abhängig, dass Tori ihre Waren verkaufen konnte. Benjamin Porter war ein guter Mann. Ein ehrbarer Mann. Er lieferte seit über einem Jahr Waren in ihren Laden, seit Emma Chandler die Frauenkolonie in Harpers Station gegründet hatte. Mr Porter war monatelang der einzige Mann gewesen, der ihre Zufluchtsstätte hatte betreten dürfen, und er hatte dieses Vertrauen kein einziges Mal missbraucht. Der Fuhrunternehmer verlangte faire Preise, und wenn ihr gewohnter Markt in der Nachbarstadt Seymour gesättigt war, scheute er keine Mühen, um neue Verkaufsmöglichkeiten für die Eier, das eingemachte Obst und Gemüse und die Quiltdecken zu finden, die von den Frauen in Harpers Station hergestellt wurden. Als Angus Johnson ihre Gemeinde überfallen hatte, hatte Mr Porter zu ihnen gestanden. Er hatte für sie gekämpft. Bei der Erinnerung, wie der Fuhrunternehmer Tag für Tag vor ihrem Laden Wache gestanden hatte, wurde Toris Gesicht spürbar warm. Er hatte nicht die Stadt als Ganzes beschützt. Er hatte Tori beschützt. Er machte aus seinem wachsenden Interesse an ihr keinen Hehl. Das war vielleicht der Hauptgrund, warum Tori Grace um Rat gefragt hatte, wie man am besten eine Waffe verstecken könne. Graces sanfte Berührung auf Toris Arm vertrieb die widersprüchlichen Gedanken, die ihr Gehirn vernebelten. Die durchdringenden Augen der jungen Telegrafistin ließen Geheimnisse erahnen, die diese normalerweise scheue Frau mühsam hütete. 'Vorsichtsmaßnahmen sind nie dumm. Es ist besser, eine Verteidigungsmöglichkeit zu haben und sie nicht zu brauchen, als sich verteidigen zu müssen und wehrlos zu sein.' Aus ihren leisen Worten sprachen schmerzliche eigene Erfahrungen, und Tori fragte sich nicht zum ersten Mal, was Grace Mallory nach Harpers Station geführt hatte. 'Du hast natürlich recht.' Sie hatte wirklich recht. Wenn sich Ben Porter bei ihrem heutigen Ausflug genauso anständig verhielt wie sonst, bräuchte niemand von der kleinen Waffe zu erfahren, die unter ihrem Unterrock versteckt war. Sie betete, dass sie die Waffe nicht benutzen müsste. Dass sich Mr Porters Charakter als so tadellos erweisen würde, wie es den Anschein hatte. Und dass sein freundliches Verhalten nicht nur eine Fassade war, um sie einzulullen und unvorsichtig zu machen. Ein Mann investierte doch sicher nicht ein Jahr seines Lebens für eine Frau, die bei mehreren Gelegenheiten unmissverständlich klargestellt hatte, dass sie von keinem Mann etwas wissen wollte. Keine Liebelei war so viel Mühe wert. Sie war so viel Mühe nicht wert. Tori verbannte dieses armselige Selbstmitleid wieder in den hintersten Winkel ihres Herzens, berührte Graces Hand, die auf ihrem Arm lag, und drückte sie herzlich. 'Vielen Dank, dass du mich an deinen Erfahrungen teilhaben lässt. Ohne deine Hilfe hätte ich nie den Mut aufgebracht, mich auf diese Geschäftsidee einzulassen.' Grace hob einen Mundwinkel. 'Emma sagt immer, wir Frauen können alles schaffen, was wir uns vornehmen, solange wir zusammenhalten. Nach dem Dreivierteljahr, das ich jetzt hier wohne, fange ich endlich an, das zu glauben.' Tori lächelte und erlaubte sich sogar ein leises Schmunzeln. 'Das wird auch langsam Zeit.' Grace stimmte in ihr Lachen ein, wurde aber sofort wieder ernst, als der Vorhang, der den Lagerraum von dem Bereich hinter dem Verkaufstresen des Gemischtwarenladens trennte, zur Seite geschoben wurde. 'Da bist du ja!' Emma Chandler - jetzt Emma Shaw, seit sie und Malachi vor zwei Wochen geheiratet hatten - rauschte mit verschmitzt funkelnden Augen ins Hinterzimmer. 'Ich habe Lewis gesagt, dass du dich nicht in dein Zimmer eingesperrt hast, aber er hat mir nicht geglaubt. Er hat mich gebeten, dich zu holen, bevor du es dir anders überlegst.' 'Dieser Junge!' Tori schüttelte den Kopf, obwohl ihr Herz vor Liebe höher- schlug. Ihr Sohn war zwar erst vier, aber er kannte seine Mama sehr gut. Manchmal zu gut. Er erkannte ihre Stimmung schneller, als ein Pfannkuchen Ahornsirup aufsaugen konnte. Das war einer der Gründe, warum sie sich so sehr bemühte, ihre Gefühle gut zu beherrschen. Lewis sollte eine glückliche und unbeschwerte Kindheit haben, die nicht durch das Misstrauen und den Argwohn seiner Mutter belastet wurde. 'Seit ich dieser Fahrt letzte Woche zugestimmt habe, spricht er von nichts anderem. Man könnte meinen, wir würden uns einer Expedition anschließen, um unbekanntes Land zu entdecken. Dabei versuchen wir doch nur, neue Kunden zu gewinnen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich jetzt keinen Rückzieher mehr machen.' Emma trat zu Tori und drückte ihre Hand. 'Willst du denn einen Rückzieher machen?' Tori bemühte sich um eine unbeschwerte Miene und schüttelte den Kopf. 'Natürlich nicht. Ich habe es versprochen, und was ich verspreche, halte ich auch. Das weißt du.' Natürlich wusste Emma das. Die beiden Frauen waren seit drei Jahren Freundinnen, Vertraute und Geschäftspartnerinnen. Deshalb wusste Emma auch, wie sehr Tori davor graute, mit einem Mann allein zu sein. Besonders dann, wenn der Mann groß und kräftig war. Wenn dieser Mann gebaut war wie die zwei riesigen Pferde, die seinen Lieferwagen zogen. Und wenn dieser Mann sie im Handumdrehen überwältigen könnte. Toris freie Hand verkrampfte sich um den Stoff ihres Rocks, während sie Grace anschaute und hoffte, ihr gemeinsames Geheimnis würde ihre Zuversicht stärken. Grace nickte unauffällig. Auch kräftige Männer waren gegen Pistolenkugeln nicht immun. Tori zwang sich, langsam wieder einzuatmen, und entspannte ihre Finger, bevor sie ihren Blick wieder auf Emma richtete und sie mit einem leichten Lächeln beruhigte. 'Ich kann nicht sagen, dass ich mich bei diesem Gedanken ganz wohlfühle, aber es ist nicht das erste Mal, dass ich meine persönlichen Wünsche hintanstelle, um das zu tun, was für das Geschäft das Beste ist.' Tori entzog Emma ihre Hand und beugte sich nach unten, um den Picknickkorb aufzuheben, den sie für die Fahrt vorbereitet hatte. 'Mr Porters Idee, mit den Waren zu den Familien auf den Farmen und Ranches in der Umgebung der Stadt zu fahren, klingt vielversprechend. Wenn ich zu vernünftigen Preisen mehr Service bieten kann, beschließen die Kunden, die normalerweise nach Seymour oder Wichita Falls fahren, um sich dort mit Vorräten einzudecken, vielleicht, sich einmal im Monat zu einem kleinen Aufpreis ihre Waren liefern zu lassen - selbst wenn sie dazu Geschäfte mit einer Frau machen müssen. Immerhin sparen sie sich damit einen ganzen Arbeitstag.' Emma zog eine Braue hoch. 'Versuchst du gerade, mich zu überzeugen oder dich selbst?' Tori seufzte innerlich. Es war wirklich lästig, eine beste Freundin zu haben, die sie so gut durchschauen konnte. 'Vermutlich mich selbst.' Ihre Schultern sackten ein wenig nach unten und ihre Körperhaltung verriet ihre Unsicherheit. 'Ich zähle im Geiste schon die ganze Woche die logischen Argumente auf, die dafürsprechen: Höhere Umsätze sind nicht nur für mich gut. Sie sind für die ganze Stadt gut. Fast jede Frau in Harpers Station ist darauf angewiesen, dass ich die Waren, die wir produzieren, verkaufen kann. Ein größerer Markt bedeutet höhere Einnahmen für uns alle.' 'Aber nicht auf Kosten deines Seelenfriedens.' Emma nahm Tori den Picknickkorb aus den Händen, aber das, was Tori wirklich eine Last abnahm, war die bedingungslose Unterstützung ihrer Freundin. 'Wenn du willst, kann ich Tante Bertie bitten, euch zu begleiten. Sie kommt bestimmt gern als Anstandsdame mit. Sie könnte auf Lewis aufpassen, während du und Mr Porter eure Geschäftsverhandlungen führen.' Tori schüttelte den Kopf. 'Nein. Ich muss das allein schaffen.' Obwohl sie zugeben musste, dass dieses Angebot sehr verlockend war. Alberta Chandler war eine liebe Frau, sie war immer so freundlich und ermutigend. Sie wäre der perfekte Puffer zwischen ihr und dem Fuhrunternehmer. Aber es handelte sich hier um eine Geschäftsfahrt, nicht um einen gemütlichen Ausflug. Als solche musste sie diesen Tag auch angehen. 'Wenn ich ein Mann wäre, würde ich allein fahren. Ich bin Ladenbesitzerin. Ich bin Geschäftsfrau. Es ist absolut nicht anstößig, Mr Porters Begleitung in Anspruch zu nehmen, da er den Weg viel besser kennt als ich und zu vielen Familien bereits Kontakt hat.' Tori legte den Arm um Emmas Schultern und drückte sie herzlich. 'Du bist eine gute Freundin, Emma, aber es wird Zeit. Es wird Zeit, dass ich mich aus dem geschützten Kokon dieser Stadt hinauswage und mir beweise, dass ich stark genug bin, um mich in der Welt da draußen zu behaupten.' Emma schaute sie mit einem breiten Grinsen an, bei dem die innere Kraft dieser unglaublichen Frau sichtbar wurde, die so vielen Frauen half, die Autorität über ihr eigenes Leben zurückzugewinnen. Allen voran Tori. 'Du bist die stärkste Frau, die ich kenne, Victoria Adams.' Emma lehnte sich kurz an sie, dann trat sie zurück und schaute Tori direkt an. Ihre Miene, ihre Körperhaltung, alles an ihr strahlte Vertrauen und Zuversicht aus. 'Du wirst dich nicht nur behaupten. Du wirst Erfolg haben.' Benjamin Porter bemühte sich, seine Nervosität zu überspielen, indem er doppelt und dreifach kontrollierte, ob die Waren, die er im vorderen Teil der Ladefläche seines Wagens verstaut hatte, richtig gesichert waren. Jede Menge Stoffballen, Schleifenrollen, Duftseifen, Cremes und unzähliger weiblicher Krimskrams, dessen Funktion ihm völlig schleierhaft war, waren ordentlich in Kisten gepackt, die mit Baumwolle ausgepolstert waren, um die Waren während des unsanften Rüttelns zu schützen, das auf den mit Schlaglöchern übersäten Straßen zwischen Harpers Station und Wichita Falls nicht zu vermeiden war. Dies war höchstwahrscheinlich die kleinste Fracht, die er je transportiert hatte, aber es könnte leicht die wichtigste Fracht seines Lebens werden. Seine ganze Zukunft hing vom Ausgang dieses Unterfangens ab. Nun ja, nicht seine ganze Zukunft, aber definitiv die interessantesten Aspekte seiner Zukunft. Nachdem er monatelang geduldig gewartet und unmissverständliche Andeutungen gemacht hatte, war heute der Tag, an dem er endlich Toris Abwehr durchbrechen und sie überreden wollte, ihre Partnerschaft nicht länger nur streng geschäftlich zu sehen, sondern mehr daraus werden zu lassen. Seit über einem Jahr sehnte er sich nach mehr, aber jedes Mal, wenn er dieses Thema ansprach, stellte sie klar, dass sie kein Interesse hatte, sich mit irgendeinem Mann auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Vermutlich sollte es ihn trösten, dass sie nicht ihn persönlich ablehnte, sondern sein Geschlecht als Ganzes. Aber es gefiel ihm trotzdem nicht. Es war nicht fair von ihr, ihn in die gleiche Schublade zu stecken wie alle anderen Kerle in Hosen, die ihr bisher über den Weg gelaufen waren. Besonders der Kerl, der ihre Abneigung gegen Männer überhaupt erst verschuldet hatte. Ben hatte keine Ahnung, wer dieser Halunke war und was er getan hatte, aber für ihn bestand kein Zweifel, dass es diesen Mann gab. Tori sprach nie von einem Ehemann und stellte sich immer als Miss Adams vor und nicht als Mrs Adams. Daraus schloss er, dass der Mann, der Lewis gezeugt hatte, es offenbar nicht für nötig erachtet hatte, ihr vorher einen Ring anzustecken. Und er erinnerte sich gut an die Angst, die bei ihrer ersten Begegnung aus ihren Augen gesprochen hatte. Er hatte einmal mit einem Pferd gearbeitet, das den gleichen Blick gehabt hatte. Es hatte jedes Mal, wenn er versucht hatte, in seine Nähe zu kommen, gescheut. Dieser Wallach hatte ausgetreten und gebissen und war weggelaufen, sobald er dazu eine Gelegenheit gehabt hatte. Wie sich herausgestellt hatte, hatte der frühere Besitzer des Pferdes das Tier mit seinen Sporen und seiner Peitsche gequält. Ben hatte Monate gebraucht, um sich das Vertrauen des Rotschimmels zu erarbeiten. Monate, in denen er Bisse und Tritte eingesteckt hatte, Monate, in denen er das Tier nicht bedrängt hatte, um seine Kooperation zu erzwingen. Doch am Ende hatte sich der Rotschimmel beruhigt und war das beste Reitpferd geworden, das Ben je besessen hatte. Tori hatte unter den Händen eines Mannes gelitten, so viel stand für Ben fest. Aber nachdem sie jetzt monatelang Zeit gehabt hatte, um sich an ihn zu gewöhnen, und nicht mehr jedes Mal zusammenzuckte, wenn er sie ansprach oder ihren Laden betrat, war es Zeit, dass sie ihn nicht mehr durch die Brille ihrer Vergangenheit sah, sondern so, wie er wirklich war: mit seinen Stärken, Schwächen und allem, was dazwischenlag. Nun ja, vielleicht nicht mit seinen Schwächen. Wenigstens nicht mit allen. Immerhin wollte er sich ihr als potenzieller Ehemann empfehlen und sie nicht endgültig vergraulen. 'Wenn du diese Kisten noch ein einziges Mal kontrollierst, verhafte ich dich wegen ungehörigen Benehmens.' Eine starke Hand legte sich auf Bens Schulter. Er drehte sich um und bedachte Malachi Shaw, den frisch ernannten Marshal der Stadt, mit einem gespielt finsteren Blick. 'Was meinst du mit ungehörig? Diese Kisten sind ordentlich gesichert.' Ben verschränkte die Arme vor seiner Brust und ließ die Muskeln an seinen Oberarmen spielen. Von Bens Kraftprotzerei völlig unbeeindruckt, zog Malachi eine Braue hoch. 'Nicht die Kisten sind ungehörig, sondern dein Benehmen. Andererseits ist das wahrscheinlich völlig normal. Auf eine Frau zu warten macht jeden Mann nervös.' Der Marshal grinste und die beiden Freunde klopften sich verständnisvoll auf die Schultern. 'Wie recht du hast!' Ben trat von seinem Wagen weg und war für die Ablenkung dankbar. Er würde das vor Malachi nie zugeben, aber er befürchtete, dass Tori jeden Moment aus ihrem Laden marschiert käme und ihm mit ihrer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ, erklärte, dass sie es sich anders überlegt habe. Obwohl der kleine Lewis Ben geholfen hatte, die ganzen Kisten, die Tori am Vorabend gepackt hatte, aufzuladen, hatte er keine Garantie, dass sie die geplante Fahrt tatsächlich antreten würde. 'Mr Ben! Mr Ben!' Lewis stürmte mit einem Stoß alter Quiltdecken auf den Armen auf den Wagen zu. 'Ist meine Ma schon fertig?' Er stolperte beinahe über den Zipfel einer Decke, die er über die Straße schleifte, aber mit dem Geschick eines Jungen, der es gewohnt war, in Bächen über Steine zu hüpfen und auf dem Geländer vor dem Laden zu balancieren, wenn seine Ma nicht hinschaute, sprang er leichtfüßig zur Seite und beförderte seine Decken in einer schwungvollen Bewegung nach oben, um wieder ungehindert Platz vor seinen Füßen zu haben. Ben packte den blonden Kobold, hob ihn ebenfalls in einer schwungvollen Bewegung vom Boden hoch und beförderte ihn auf die Ladefläche seines Wagens. 'Noch nicht, aber sie kommt bestimmt bald. Bau dir doch hier hinten mit deinen Decken ein Bett, damit du es während der Fahrt bequem hast. Ich habe die Kisten festgezurrt, du brauchst also keine Angst zu haben, dass sie he-rumrutschen.' Lewis ließ die Decken dort, wo er stand, fallen, dann kämpfte er sich zum Wagenrand zurück und beugte sich so weit über die Seite, dass Ben fast befürchtete, er könnte herauspurzeln. Offenbar meinte der Junge, ein unordentlicher Deckenhaufen wäre bequem genug für die Fahrt, aber Ben bezweifelte, dass Tori das auch so sehen würde. 'Breite diese Decken ordentlicher aus, Lewis. Wenn deine Ma dieses Chaos sieht, besteht sie bestimmt darauf, die Decken selbst schön auszubreiten, und dann dauert es noch länger, bis wir aufbrechen können.' 'Ach, Mr Ben!', jammerte der Junge. Ben bedachte den Jungen mit einem Blick, der ihm klarmachte, dass er sich in diesem Punkt nicht umstimmen ließe. Lewis seufzte theatralisch, schob sich vom Wagenrand weg und begann, sich ein gemütliches Lager zu bauen. Ben erwartete zwar nicht, dass es viel besser aussehen würde als der jetzige Deckenhaufen - ein Vierjähriger hatte einfach nur einen begrenzten Ordnungssinn -, aber wenigstens war der Junge beschäftigt und lernte ein wenig Verantwortung. 'Du sollst sie nicht einfach zusammenknüllen. Falte sie schön zusammen, wie es deine Ma machen würde.' Ein weiteres Seufzen und ein mitleiderregender Blick über die Schulter. 'Ja, Sir.' Ben verkniff sich ein Grinsen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Marshal. 'Es war eine gute Idee, Lewis die Decken holen zu lassen. Er hat mich mit seinen ständigen Fragen, wann es endlich losgeht, schon fast wahnsinnig gemacht.' Malachis Brustkorb blähte sich auf, während er auf den Absätzen seiner Stiefel auf und ab wippte. 'Meine Emma ist eine kluge Frau. Das war sie schon immer. Sie wird es auch schaffen, deine Freundin aus ihrem Laden zu holen. Warte nur ab.' Eine ungebetene Wärme kroch an Bens Hals hinauf. 'Sie ist nicht meine Freundin. Wir sind nur Geschäftspartner.' Allerdings würde er das gerne ändern 'Mhm.' Malachi klang nicht besonders überzeugt. 'Das werden wir ja sehen.' Er deutete mit dem Kopf zum Laden. Ben folgte seinem Blick und sein Herz begann zu rasen. Tori stand auf dem Gehweg vor dem Laden, wo der Herbstwind eine Strähne ihres blonden Haars erfasste und sie ihr ins Gesicht wehte. Sie hob die Hand, um die Strähne in eine der Haarnadeln, die den Haarknoten in ihrem Nacken festhielten, zurückzuschieben. Der Strohhut, den sie trug, saß züchtig auf ihrem Kopf, die rote Schleife um die Mitte des Huts war der einzige Farbklecks an ihr. Tori war keine Frau, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. In ihrem beigen Kostüm mit weißer Bluse, die bis zum Kinn zugeknöpft war, war sie der Inbegriff einer unauffälligen Frau. Damit konnte sie vielleicht alle anderen täuschen, aber Ben nicht. Sie versuchte zwar, ihre weiblichen Reize herunterzuspielen, aber...