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ISBN/EAN: 978-3-608-50106-3
Einband: gebundenes Buch
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Erschienen am:
24.02.2010
24.02.2010
Sprache:
Deutsch
Deutsch
Umfang:
224 S.
224 S.
Format (T/L/B):
2.4 x 21.5 x 14.8 cm
2.4 x 21.5 x 14.8 cm
Hersteller:
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
produktsicherheit@klett-cotta.de
Rotebühlstraße 77
DE 70178 Stuttgart
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Beschreibung
In einer nahen Zukunft wird die westliche Welt ihre globale Vormachtstellung an China verloren haben. Deutsche Arbeiter verlassen die marode Heimat, um in Asien ihr Glück zu finden. Doch die Germanen sind in China nicht nur geduldet - sie sind Kult. Der Werbefilmer Ai, ein junger Chinese, begeistert sich für germanische Folklore, die sich von der 'Schwalbenstadt', einem futuristischen Vorstadtslum ausbreitet. Ai liebt die Märchen der Gebrüder Grimm, er liebt die deutsche Küche und die deutsche Musik. Doch vor allem liebt er Olympia, eine junge Schauspielerin, die in ihm zwar einen Freund, aber nicht ihren Geliebten sieht. Als Ai den Auftrag für einen Werbefilm erhält, in dem Olympia die Hauptrolle spielen soll, sieht er seine Chance.
Über Jörg-Uwe Albig
Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim Stern und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. 1999 wurde sein Romandebüt 'Velo' veröffentlicht. Es folgten die Romane 'Land voller Liebe', 'Berlin Palace', 'Ueberdog', 'Zornfried' und zuletzt das Sachbuch 'Moralophobia'.
Leseprobe
1 Es war kurz vor Mittag, der Himmel hoch. Schwalben stürzten von Glaswänden in die Tiefe. Ich fuhr mit Meister Zhao durch die Straßen. Die Ampel schaltete auf Rot, dann auf Grün. Als der Ausländer sich auf unsere Kühlerhaube stürzte, hatte ich den Fuß schon auf dem Gas. Nie zuvor hatte ich mir die Männer genauer angesehen, die Tag für Tag an dieser Kreuzung lauerten, mit ihren Wassereimern, ihren Ledertüchern und Gummiwischern, ihren Blicken voll Sanftmut und bezwungenem Stolz. Immer hatte ich nur auf die Hände geachtet, die nach getaner Arbeit durchs Seitenfenster ragten, hatte einen Zehner hineingelegt und die Scheibe hochsurren lassen. Bisweilen, wenn die Hände besonders feucht waren, gab ich auch einen Zwanziger. Dieser Mann aber hauchte auf die Windschutzscheibe, überzog sie mit zartem Reif. Dann zog er die Zunge durch den Staubfilm, der im scharfen Licht flirrte. 'Fahr weiter', knurrte Meister Zhao und verdrehte die Augen. 'Ich kann nicht', wandte ich ein. Ich ließ den Motor der Konkubine aufheulen, aber ließ die Kupplung nicht los. Hinter uns brandeten Huptöne auf, kamen näher, zogen vorbei, setzten fern wieder ein und fluteten von neuem heran. 'Der hört nicht mehr auf', schnalzte Meister Zhao. 'Dem schmeckt's.' Der Ausländer, dünn und weiß, hatte jetzt nichts Sanftes mehr an sich. Sein Lecken war Zorn und Hass. 'Vielleicht hat er lange nichts gegessen', vermutete ich. Ich sah seine Haut, das Weiß, das aus dem quergestreiften Polohemd quoll. Ich sah das Haar, dessen Farbe wie Kot war, wie lehmige, fruchtbare Erde. Gebannt verfolgte ich das Wischen der Zunge. Die Ausländer, die an dieser Kreuzung warteten, sahen anders aus als die Ausländer meiner Kindheit, die zur Zeit des Zweiten Großen Sprungs ins Land gekommen waren, zur Zeit der Jahrtausendwende, zur Zeit unserer Wiedergeburt. Es waren ja Tigerzeiten gewesen damals, Schwellenzeiten, und wie Tiger waren sie über unsere Schwelle gesetzt, gefährlich lächelnd. Sie hatten im Kempinski gewohnt, im Lido und im Grand Hotel, hatten Chauffeure gehabt und Maßanzüge. Unsere Frauen telefonierten nachts im Hyatt die Zimmernummern durch, um schließlich einen Belgier am Apparat zu haben, der sie mitnahm. 'Schau dir bloß diese Zunge an', staunte jetzt Meister Zhao. Wir starrten auf das hellrosa Organ, das sich krümmte, streckte und plattdrückte an unserer Scheibe, das an der Druckfläche schimmelbleich war wie der Rest der Gestalt. 'Vielleicht ist er krank', mutmaßte ich. 'Gut, dass die Scheibe zwischen uns ist.' 'Ich meine die Größe', sagte Meister Zhao und starrte. 'Wie eine Schweineleber.' Von den Straßenlinden schwebten Blüten herab, langsam, wie Tang im Wasser. Sie verharrten auf der Scheibe, als hätte jemand einen Film angehalten. Die Zunge machte sich über sie her, leckte senkrechte Schneisen durch ihr Gewölk, zog Querlinien, legte Lichtungen frei. Durch die Lücken sahen wir die Brauen des Mannes, seine Lider, geschlossen wie vor Schmerz oder Lust. 'Lindenblütentee', sagte Meister Zhao, zeigte auf die Zunge, die weißen Flocken, die sich sammelten in ihrer Kerbe. 'Gut für die Bronchien.' Mit der Zeit hatten immer weniger Ausländer unsere Stadt bevölkert, und schließlich waren sie ganz weggeblieben. Sie hatten nun selber ein Schwellenland daheim, wo sie Treppensteigen üben konnten; doch die Schwellen führten abwärts, nicht aufwärts. Und als sie eines Tages zurückkamen in sickernden, verzweigten Rinnsalen, sahen sie anders aus, kleiner, seltsam mutiert. Ihre Stimmen waren leiser geworden, ihre Augen unsteter. Jetzt schien es, als trügen sie ein Geheimnis mit sich herum; vielleicht war es das Geheimnis der großen Zahl. Der Kopf des Ausländers schwang jetzt in langen Schwüngen auf und ab. Ich dachte an Elefanten im Zoo. Die Ampel zeigte Rot, Grün, Rot, dann wieder Grün; jedes Grün löste Huptöne aus. 'Rot', schmetterte Meister Zhao begeistert. Ich zog eine Packung Scharlachkamelie aus der Jackentasche, hielt inne, weil der Ausländer uns jetzt anstarrte. Sein Blick sah entsetzt aus, die Rundaugen noch runder, die Iris eine Münze im Schnee. Er lag jetzt fast quer über der Kühlerhaube, das Becken ans glühende Blech geschmiegt. In der Militärhose zappelten seine Beine, als ginge es um Leben und Tod. Mit kindischem Lächeln streckte Meister Zhao die Hand aus, ließ den Scheibenwischer rucken, stoppte ihn kurz vor den Lippen des Migranten. Ich wollte Zhaos Gealber nicht mehr sehen. 'Wie viel gibt man da', fragte ich schnell, mit heiserer Stimme. 'Sind zwanzig genug.' 'Der soll sich an Lindenblüten sattessen', sagte Meister Zhao. Ich wusste, dass das ein Scherz war. Ich wusste, er würde gleich einen Geldschein hervorziehen, den Hunderter mit dem blassgrünen Shenzhou-5- Raumschiff auf der Rückseite, ihn zum Kranich falten und mit Schwung durch das Seitenfenster werfen. Hinter uns addierte sich das Hupen zum Chor. Neuer Blütenregen schwebte auf uns herab. Die Migrantenzunge umspielte eine Fliegenleiche; sie rotierte und presste und wischte wie im Zorn. Dann leckte der Mann sich wie zerstreut über die Schneidezähne, die gelb abstachen vom Weiß seiner Haut. 'Die Scheibe hatte es nötig', sagte ich flau, zog mit der kalten Scharlachkamelie einen Schnörkel durch die Luft. Ich sah Meister Zhao an. Die Sonnenbrille von Ayatollah Wen machte ihn zum Insekt, zu einem sanften, schwermütigen Käfer. Ich atmete, als würde ich rauchen. 'Vielleicht versteht der keine chinesischen Hupen', bellte Meister Zhao. Er griff nach dem Schaltknauf; ich kam ihm zuvor und packte seine Hand. 'Ich kenne Ausländer, die sehr gut Chinesisch sprechen', log ich; Meister Zhao spuckte sein Süßholz auf den Handrücken. Der Ausländer kniete jetzt vierbeinig auf der Kühlerhaube. Seine Zunge fuhr gerade über den Oberrand der Scheibe, als vier Männer in Büroanzügen ihn packten. Es waren rechtschaffene Männer, Männer mit Eheringen, Männer mit polierten, lachenden Zähnen. Eine Frau im flussgelben Strickkleid stand dabei und rief: 'Endlich', die Arme wütend in die Hüften gestemmt. Empört starrte sie auf mein glühendes Ohr. Die Männer packten den Ausländer an Armen und Beinen, ließen ihn nach beharrlichem Zerren zu Boden. Er glitt an der Fahrerseite der Konkubine entlang. Der Älteste, Sonnenbrille im Weißhaar, strich dem Fremden geduldig den Hemdkragen glatt. 'My good friend', sagte er und zog ihn am Ohr, 'du bist hier nicht in Disneyland.' Es ist immer ein Ereignis, wenn Meister Zhao aus einem Wagen steigt. Er öffnete die Tür, stieg wie eine Flut; während er den Wagen umrundete, sah er niemanden an. 'Auseinander', sagte er nur, der Mund breit, als würde er lachen. Dann legte er dem Weißhaarigen die Hand auf die Schulter. Der Alte sah zu ihm auf. An der Hose klopfte er sich die Hände ab. Ergeben blies er die Backen auf, zog sich mit den anderen Zornigen zurück in die Autoschlange, die sie verschluckte, als wären sie Ratten. Auf der LCD-Fassade des Panda Tower erschien ein neues Bild, der grimmige Kopf eines Kriegers; er gehörte einem knienden Bogenschützen aus der Terrakottaarmee. 'Du ganz ruhig, Kamerad', sagte Meister Zhao zu dem Ausländer. 'Du Schwede', tippte er, krümmte die Zeigefinger hornförmig am Schädel. 'Oder Amerikaner', schlug er vor, formte die Rechte zum Revolver. Ich sah den speckigen Boden der Militärhose, der glänzte wie Schlangenhaut. Ich sah, wie Meister Zhao eine Banknote aus der Tasche zog und sie auf die feuchte Handfläche des Mannes klebte: 'Für Ihre Mühe', sagte er heiter. 'Und, wenn's Ihnen nichts ausmacht, für eins Ihrer munteren Lieder.' Die Lindenblüten begannen wieder zu schneien. Der Ausländer sah mich an, als könnte ich ihm helfen. Er atmete schwer, starrte verstört auf meine Lippen, blickte zurück zu Meister Zhao, seinem aufmunternd schräggelegten Kopf. Dann sah er uns an mit dem Froschlächeln seines Menschenschlags, zog die Schultern hoch und hob die Handflächen zum Himmel. Noch immer segelten Blüten in sein Schlammhaar. 'Nicht versteh', klagte er. 'Nicht versteh!' Meister Zhao hatte genug. Er knüllte dem Mann einen zweiten Schein in die Hand. Eilig schob er mich auf den Beifahrersitz; wie auf Befehl schaltete die Ampel auf Grün. Mit einem Ruck setzte die Autoschlange sich in Bewegung, rollte auf die Äußere Gerades-Ost-Tor-Hauptstraße zu. Zhao gab Gas, der Sonne entgegen. Ich fuhr mit Meister Zhao durch die Straßen; es waren begradigte Flüsse, gesäumt von Barcode-Fassaden, von Palmen aus Vietnam. Zwischen den Fassaden schäumten Wasserfälle aus Licht, flossen weiß und glänzend über den Asphalt. 'Unbesorgt um Windstoß und Wellenschlag', zitierte Zhao den Vorsitzenden Mao, ' besser als müßig zu Hause, ziellos umher! Heute wird weit mir, überaus frei! Ein großer Poet', setzte er hinzu, 'aber ein miserabler Staatsmann.' Ich spürte, wie mein Körper das Licht in Eiweiß umsetzte, in Traubenzucker und Vitamin E. Ich dachte an Olympia, die von meiner Liebe nichts wusste. Ob sie mich liebte, war nicht zu erkennen. Zum Drachenbootfest hatte ich ihr einen Seidenfächer geschenkt, ein Requisit aus meinem Film für Tang-Dynastie -Speiseöl. Ich wollte ihr die Möglichkeit geben, ohne Worte mit mir zu reden. Ich erzählte ihr von einer Fächersprache der Damen am Hof Kaiser Li Shimins, den es nie gegeben hatte; sie hängte den Fächer über ihr Bett. Dort blickte er sprachlos und starr auf den Ort meiner Träume herab, einen goldenen Nagel im Herzen. Ich dachte daran, wie abwesend Olympia immer wirkte, wenn ich ihr Haar kämmte. Ich sprach dann von der Zukunft, entwarf Lebenspläne voller Ruhm, Ateliers mit Sprossenfenstern, hinter denen der Ganges floss, Erste-Klasse-Flüge zur Caracas-Biennale, abendliche Festessen auf dem Orinoko, Olympia mit prächtiger, zweistündiger Verspätung. Sie wurde schläfrig bei diesen Tagträumen, nickte manchmal ein; mein Bürstenstrich wurde matter und stockte. 'Soll ich dir einen Zopf machen?', fragte ich dann; mit entrücktem Ernst schüttelte sie den Kopf. Auch Meister Zhao wusste nichts von meiner Liebe zu Olympia. Dabei war er der einzige Freund von der Filmhochschule, der mir noch geblieben war. Er war fünf Jahre älter als ich, seine Nase mächtig wie die des Buddha von Leshan. Ich hatte Vertrauen in sein weißes Sun-Yatsen-Jackett mit dem Stehkragen, in seine dreißig Kilogramm Muskelmasse, in die Glut seiner Zigaretten aus Pjöngjang. 'Rauchen', sagte er, 'ist materialisiertes Atmen.' Doch das war nicht der Grund dafür, dass ich bald anfing, ihn 'Meister' zu nennen. Wie alle fand ich in ihm einen Abnehmer für meine Ideen, die ich ihm darbrachte wie ein Schälchen mit gemischten Nüssen. Schon damals hatte er die Fähigkeit zum Verharren bewiesen. Nach den Seminaren war er im Raum 239 sitzen geblieben, vor sich auf dem Tisch der Wirtschaftsteil der Morgenröte und eine Tüte Schneekrautbonbons. Unentwegt hatten dabei, hüpfend und summend, seine Mobiltelefone auf der grün gummierten Platte getanzt. Immer nach dem Seminarbetrieb war Raum 239 sein Büro geworden, ein Bahnhof seiner tausendfältigen Verbindungen. Zhaos Kunst war es gewesen, sich nie zu bewegen. So hatten alle stets gewusst, wo er zu finden war. Kommilitonen sprachen bei ihm vor und KP-Dandys, Profis und Professoren und Frauen, Frauen. Sitzend, mit regloser Miene, verknüpfte er die Wünsche der Besucher, streckte kaum merklich die Arme aus dabei, die kurz waren, aber unsichtbar verzweigt, eine Gottheit mit Schwitzflecken. Manchmal rollten Faltenwellen seine Stirn hinauf. Manchmal landete eine Fliege auf seiner Nase, blieb, bis es ihr zu langweilig wurde, und flog davon. Immer dann, wenn meine Gedanken begannen, im Kopf zu drücken, war auch ich in Raum 239 gegangen, hatte sie aufgehäuft vor dem gewaltig sitzenden Zhao, ungeordnet, Pyramiden aus Trümmern. Zhao hatte zugehört und ein kleines Porzellanauto über die Tischplatte gerollt, seine Lippen zitternd, feucht. Ich sprach, fuchtelte mit den Händen, wartete längst nicht mehr auf ein Nicken. Erleichtert atmete ich aus, wenn Zhao am Ende meiner Rede eines seiner Mobiltelefone griff, ein paar lange, gewundene Sätze hineinsprach, lauschte und mich dabei fixierte. Schließlich teilte er mir mit, wer sich mit Unsterblichkeitspillen auskannte oder bereit war, mir Straußeneier zu liefern. Dann schloss er die Augen und rieb sich raschelnd das Kinn. Ich wusste, dass es meine Aufgabe war, ihm Nahrung zu liefern für seine Vorstellungskraft, ihm von meinen Sackgassen zu erzählen und meinen romantischen Holzwegen, ihm von der Welt zu berichten, von Seebeben, kannibalischen Raupen, Neurotransmittern und den Grausamkeiten der Shogune. Ich musste ihm Rätsel aufgeben, deren Lösung ich selber nicht kannte. 'Gute Frage', sagte er dann und wechselte das Thema. Manchmal waren wir, nachdem der Hausmeister Raum 239 verschlossen hatte, zusammen über die Rasenflächen gelaufen, meine Hände fuchtelnd im Wind, seine Hände in den Hosentaschen, aus denen sie Energie zu ziehen schienen. Damals gab es noch das Kentucky Fried Chicken am Westlichen Ehrentor, und regelmäßig landeten wir dort, tranken Bier aus Pappbechern und aßen Hühnerstücke, die aussahen wie Bonbons. Als Meister Zhao nach Shanghai zog, um für die Produktionsfirma Weißer Tiger zu arbeiten, hatte er uns kein Wort davon gesagt. Es hatte keinen Abschied gegeben, keinen Umtrunk, keine Gesänge am runden Tisch im Großen Weisheitsrad. Ich hatte nur morgens an der Türklinke meines Wohnheimzimmers eine Plastiktüte mit drei Büchern gefunden, die ich Zhao einmal geliehen hatte, dazu ein viertes, offenbar ein Geschenk: Wie man Freunde gewinnt. Es war, behauptete der Klappentext, ein altes Weisheitsbuch aus Amerika. Es gab keinen Brief, nicht einmal einen Gruß auf dem Deckblatt. Dafür hatte Zhao mich angerufen, als er drei Jahre später in die Hauptstadt zurückkehrte. 'Ich habe meine eigene Produktionsfirma gegründet', hatte er gesagt, ohne seinen Namen zu nennen. 'Ich bin mir sicher, du hast gerade nichts Besseres zu tun.' Wir kamen zu spät zum Meeting. Außer Atem saß ich am Baobabtisch, überblickte Mineralwasserflaschen und Sauerstoffampullen. Ich roch den Chlorduft, der aus dem Whirlpool herüberwehte, hörte das Kichern der Kontakter. Ich spürte die vierundzwanzig Grad der Klimaanlage; ich spürte jedes einzelne Grad auf meiner feuchten, elektrischen Haut. ' Wald ist die homöostatische Ordnung der Welt', sagte Indira Jin gerade. 'Im Wald ist der Ist-Zustand nur ein Programm zu seiner Überschreitung.' Ich sah aus dem Fenster. Die Wunder der Oststadt lagen da, ausgebreitet vor mir, eigens für mich gerahmt. Ich sah Aluminiumpilze aufragen, das Blütendach der Ewig Leuchtenden Bank, die Windfarm auf dem Trapezdach der Hundert-Chrysanthemen -Versicherung. Ich sah den Konzernturm von Maß-und-Mitte -Elektronik. Ich sah, wie alles sich ineinander spiegelte, wellige Schlieren bildete, Oberflächen von Achaten, sah das Diamantfunkeln der Solardächer. ' Wald ist das Begehren', sagte Indira Jin, 'das sich in der Versagung verwirklicht.' Ich selbst wusste nichts über Parfum. Ich wusste überhaupt nichts über Kosmetik. Ich wusste nichts über den Kampf gegen das Alter, über Lügen, über das Geheimnis der Frauen. Doch immer wieder war ich gespannt auf die Überraschungen, die Indira Jins Agentur für mich bereithielt; Waren, aus denen ich Bilder zu formen hatte; Bilder, die ihnen entsprachen. Ich war überzeugt, dass es für jede Ware ein Bild gab, das ihr entsprach. Und so war ich zuversichtlich, auch eins für Wald zu finden, das Parfum der Chemiefirma Datong Chemicals. 'Das Parfum für die Frau, die sich ihr Geheimnis verdient hat' war ein trauriger Slogan. Doch er war vage genug, um meine Phantasie zum Blühen zu bringen. Ich sah auf die gezwirbelten Quallenglassäulen des Technologieparks, die Zwillingstürme von Fruchtbare-Jahre -Medien, die beleidigende Grazie, mit der sie vor den starren Bauklötzen der Sechsunddreißig-Gipfel -Bank ihre Pirouetten drehten. Ich sah die Pyramide des Hotels Hundertfacher Blütenduft, den Buddhabauch des Weltweisheit -Gebäudes, die Flammenform der Energiezentrale, alles CAD-generiert. Und ich spürte den brennenden Stolz, hier zu sein, mitten im Bild. 'Das Produkt Wald verspricht dreifache Jugend', verkündete jetzt Indira Jin, 'Jugend des Geistes, Jugend der Seele, Jugend des Körpers.' Schmerzvoll lächelte sie, zog knackend an ihren Fingergelenken. 'Nicht schlecht', kommentierte Meister Zhao. 'Nicht wahr, kleiner Ai.' Zhao nannte mich Ai wie der Rest der Welt, nur meine Eltern nannten mich noch Wenying. Ich selbst hatte lange den Namen Eisenstein bevorzugt: Eisenstein Li, ein Name wie ein Zug, wie einer jener Dampfdrachen auf dem Smolensker Bahnhof, die den jungen Sergej immer so erschreckt hatten. 'Eisenstein Li', stellte ich mich vor. 'Sie kennen Eisenstein, die Regiegranate aus Russland. Aber wahrscheinlich sind Sie dafür zu jung.' Schon nach der zweiten Silbe hörten die Leute nicht mehr zu. 'Herr Li', sagten sie und sahen sich suchend im Raum um, 'haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie Ai nenne?' Schließlich gab ich mich damit zufrieden. Es war nicht verkehrt: ai wie 'Liebe', ai wie ' eye ', ai wie ' I '. 'Ganz und gar nicht', murmelte ich dann und nickte. 'Es ist mir vielmehr eine Ehre.' Wie Eisenstein wollte ich, als ich die Filmhochschule verließ, ohne Umweg die Massen rühren. Doch die Massen hatten Besseres zu tun. Sie weigerten sich, um elf Uhr vormittags die einzige Vorstellung meines dreistündigen Films über den Taiping-Aufstand im Orchidee -Kino an der Sportuniversität zu sehen. Zum Trost lud mich Meister Zhao zum Pokalspiel Nanos gegen Fotovoltaicos ein; vom Oberrang starrten wir auf wimmelnde Welt. 'Die große Form', sagte er und wies in die Runde, Bier spritzte aus seinem Becher, 'ist verschwendete Kraft. Das Kleine sehen heißt erleuchtet sein.' So hatte meine Arbeit mit Indira Jins Agentur angefangen. Meine Epen dauerten jetzt maximal neunundachtzig Sekunden; in einer Minute klopfte ich Weltformeln fest. Am Beispiel von Köstlich-Köstlich-für-Freunde -Hundefutter zeigte ich die Einheit von Natur und Kultur; mit Hilfe der Wochenend-Flatrate von Yangzhou Telekom verknüpfte ich Kult und Kommunikation. Ich nutzte Geschichte für Geschäfte, ließ die Rote Kaiserin für Zhou Dunyis 2018er Highheel-Kollektion sprechen und die Frühlings- und Herbstannalen für die Last-Minute-Flüge der Xiaojing Airways. Mit Indira Jin begann eine dumme, sorglose Zeit in meinem Leben, eine Zeit des Vertrauens und der Neugier, der zähen Schnapsrunden im Feuerpferd, die mich am folgenden Tag mit blanker Seele zurückließen, einem blinden Spiegel der Welt. Ich setzte die Dreharbeiten nicht vor zwölf Uhr mittags an, bestellte Komparsen von Dienstag auf Donnerstag um. Ich ließ Terrakottasoldaten, Opiumkrieger und die Matrosen Zheng Hes im Regen oder in der Sonne stehen. Ich nahm die Erfolge, wie sie kamen, tanzte den Karoshi in Yokohama und den Orang Amok in Jakarta, flog zu Festivals nach Guangzhou, Kuala Lumpur und Mumbai. Ich brachte bei der Präsentation der Filme die Namen der Teammitglieder durcheinander. Am Morgen saß ich beim Frühstücksbuffet in Hotels mit Säulen, kämmte zerstreut Lorbeer aus meinem Haar. Dann sah ich in Meister Zhaos Augen und wusste, dass dies alles nichts wert war. Wenn ich nach Hause kam, setzte ich mich an den Maltisch: Nichts beruhigte mich so gründlich wie Tuschmalerei. Ich nahm den Reibstein, die Tusche, das Reispapier; ich spitzte den Pinsel aus den Haaren äthiopischer Gazellen. Ich lächelte. Ich hatte gelernt, mich zu bezähmen, hatte gelernt, dass ein Bild von selbst entsteht, dass die Helligkeit, die Feuchtigkeit jedes Strichs reine Glückssache ist. Ich hatte gelernt, aus diesen Glücksfällen die Ideen für meine Filme zu schöpfen. Ich hatte gelernt, dass der Pinsel jede innere Regung auf das Papier überträgt. Dass jeder Pinselstrich einzigartig ist und jede Korrektur unmöglich. Bevor ich anfing, sog ich das Licht auf, das den Himmel überschwemmte. Ich schloss mich an die Energie in den Glasfaserkabeln an, die unsere Gebäude umspannen und das Licht in sie einspeisten; ich genoss das Blinke...